Zeitschenker im Interview: Jobsharing mit Tandemploy

Wie kostbar Zeit ist, und wie schnell sie auch vergeht, habe ich in den vergangenen Monaten, während meine Tochter vom Baby zum Kleinkind heranwächst, sehr deutlich erfahren. Auch jetzt zur Weihnachtszeit wird uns der Wert von Zeit wieder einmal bewusst (gemacht) – auch dank der Unterstützung gefühlvoller Weihnachts-Werbeclips diverser Unternehmen, wie in meinem Weihnachts-Blogbeitrag nachzulesen ist. Aber, woher kommt die Zeit? Wie nehme ich sie mir? Wie teile ich sie mir ein? Ratgeber hierzu füllen ganze Regale im Buchhandel.

Ich erlebe in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, dass es für viele ein erster Schritt wäre, die Arbeitszeit zu reduzieren. Der Wunsch nach Teilzeit stößt jedoch nicht in allen Unternehmen auf Gegenliebe. Auf der Suche nach einer verantwortungsvollen, ggf. leitenden Position in Teilzeit kommt schnell die Ernüchterung, da diese Stellen sehr begrenzt sind.

Dieser Problematik angenommen haben sich Jana und Anna mit ihrem Unternehmen Tandemploy. Grundidee ist, dass man sich zu zweit eine Position teilt und diese damit in Vollzeit besetzt. Ich habe Jana und Anna bereits im Crowdfunding 2014 unterstützt, weil das Konzept einfach genial ist. Auf der re:work in Hamburg habe ich sie nun endlich einmal persönlich kennengelernt. Mein Gespräch mit den beiden möchte ich euch sehr ans Herz legen, es ist sehr inspirierend:

Interview Tandemploy Jana Anna

Hallo Anna, hallo Jana, stellt Tandemploy doch bitte kurz vor:

Anna: Tandemploy unterstützt Unternehmen flexible Arbeitsmodelle umzusetzen. Zum einen gibt es unsere Plattform tandemploy.com. Dort finden Menschen durch einen automatisierten Matching-Algorithmus den perfekten Partner mit dem sie sich einen Job teilen können. Auf der anderen Seite die Unternehmen, die dem Thema Jobsharing offen gegenüberstehen. Firmenintern bieten wir seit diesem Jahr eine HR-Software an, die es den Mitarbeitern ermöglicht, sich selbstständig in einem anonymen Raum eigenverantwortlich zusammenzufinden – für Projekte, Jobrotation, Jobsharing, Mentoring, was auch immer. Das ist flex:workz. Spannenderweise ging die Initiative hierzu von extern aus. Unternehmen haben zu uns gesagt, dass was ihr mit tandemploy macht ist super, und ist perfekt, aber ich will das auch für meine Mitarbeiter anbieten.

Jana: So können wir auch viel mehr bewirken, weil wir nicht nur die Menschen unterstützen, die einen neuen Job suchen, sondern auch jene, die im Unternehmen sind, und in ihrer Firma einfach flexibler arbeiten wollen.

Der Titel der diesjährigen re:work lautet “Was starke Frauen anders machen”. Ist es für euch ein Widerspruch: Starke Frauen und Arbeit in Teilzeit? Leider hat Teilzeitarbeit ja in Deutschland nicht den besten Ruf.

Anna: Im Gegenteil! Stärke heißt ja auch, sich Dinge einzugestehen und vielleicht mal anders zu machen. Auch wenn wir seit Ewigkeiten, im Prinzip seit der Industrialisierung, so arbeiten, wie gerade jetzt, sollten wir mal hinterfragen, ob es denn so überhaupt richtig ist. Wir glauben daran, dass Menschen einfach viel stärker sind, wenn sie weniger arbeiten, sie sind erwiesenermaßen erholter, gesünder, motivierter. Und, was Jana und ich ganz stark in unserem Tandem merken, egal ob ich in Vollzeit oder Teilzeit arbeite, ich will nie mehr anders arbeiten, als im Tandem. Durch das Team und dadurch, dass wir uns beide haben, sind unsere Stärken einfach noch viel stärker und unsere Schwächen werden ausgeglichen. Das ist großartig. Ich glaube, jede Frau würde davon profitieren, so zu arbeiten und nur noch stärker werden.

Welche Voraussetzungen oder Stärken sollte denn ein Jobsharer mitbringen?

Jana: Das wichtigste ist, man muss es wollen! Das heißt, man muss Lust auf Teamwork haben. Das typische Asphatier, so ein einsamer Held, wie man es in Führungspositionen immer noch oft vorfindet, würde sich wahrscheinlich nicht für das Modell interessieren. Und das ist absolut in Ordnung, so findet eine gewisse Selbstselektion statt. Zudem muss man klar kommunizieren und auch Konflikte ansprechen können. Das lernt man spätestens während man im Jobsharing arbeitet, aber eine grundlegende Kommunikationsfähigkeit sollten schon vorhanden sein.

Und, mit Blick auf die Unternehmen, die Jobsharing anbieten, was haben die für eine Kultur, sind die anderen Unternehmen voraus?

Jana: Da sprichst du einen wichtigen Punkt an. Die Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten, sind über alle Branchen verstreut, haben verschiedenste Unternehmensgrößen, aber ihr kleinster gemeinsamer Nenner ist ihre Offenheit, es auszuprobieren. Das heißt gar nicht, dass sie schon super modern und innovativ sein müssen. Es sind oft konservative Unternehmen mit teils sehr traditionellen Werten, die sagen, wir möchten das jetzt ausprobieren, wir wissen noch gar nicht, wohin die Reise geht, aber wir starten jetzt das Experiment Jobsharing.

Jobsharing Tandemploy

Das Interesse meines Blogs liegt ja in der erfolgreichen Positionierung von Arbeitgebern, könnt ihr umreißen, inwiefern Jobsharing ein Unternehmen attraktiver macht, sowohl in der Außen- als auch in der Innenwahrnehmung?

Anna: Klar! Nach außen sprechen Unternehmen durch Jobsharing ganz neue Zielgruppen an, die man davor nicht erschlossen hat. Wir dürfen nicht vergessen, Infrastrukturen zu bauen, die es ermöglichen, alle Menschen in Arbeit zu integrieren. Da sprechen wir natürlich von jungen Eltern oder von Menschen, die in bestimmten Lebensphasen einfach weniger arbeiten wollen. Was nicht bedeutet, dass die dadurch weniger bringen. Ganz im Gegenteil! Ein Unternehmen profitiert unglaublich von flexiblen Arbeitsmodellen.

Das beste Beispiel ist unser Unternehmen, da ja auch Jana und ich im Tandem arbeiten und auch unsere Mitarbeiter viel Flexibilität haben. Wir bekommen das ganze Jahr über viele tolle Initiativbewerbungen. Wenn wir dann eine Stelle ausschreiben, haben wir einen riesengroßen Pool, auf den wir zurückgreifen können – obwohl wir keinen großen Namen haben, und die Bewerber wissen, dass wir bestimmt nicht so zahlen, wie große Konzerne. Wir erleben, dass den Menschen einfach andere Dinge wichtiger sind als Geld und Status. Und, diesen Hebel “Zeit” nutzen viele Firmen einfach noch nicht aus, das ist ein super Employer Branding Tool.

Jana: Nach innen ist es auch ein wahnsinnig starkes Instrument. Den Mitarbeitern bringt es eine unglaubliche Wertschätzung entgegen, wenn das Unternehmen sagt: Egal in welcher Lebensphase ihr seid, ihr könnt immer hier in dieser Firma und in euren Jobs arbeiten, wir organisieren das für euch. Die Botschaft nach innen, bei uns könnt ihr das Thema Arbeitszeitreduktion offen ansprechen, nimmt Mitarbeitern die Angst, darüber überhaupt zu reden. Sie sind zufriedener, und so etwas spricht sich natürlich rum.

Ich würde gern auch auf die Herausforderungen, vor denen Unternehmen im Jobsharing stehen, schauen. Welche sind das und wie bereitet ihr Unternehmen darauf vor?

Jana: Wie wir ein Unternehmen begleiten, hängt stark davon ab, wo ein Unternehmen gerade steht. Es gibt Firmen, die einfach anfangen, die erst mit der ersten Bewerbung für ein Jobsharing darüber nachdenken, was sie denn jetzt im Bewerbungsprozess überhaupt anders machen und worauf sie achten müssen. Das ist natürlich nicht bei jedem Unternehmen so. Es gibt Firmen, die wir stärker begleiten müssen, wo wir zunächst einmal alle Führungskräfte in einem Mindset-Workshop an einen Tisch holen, um die Hürden und Abers in den Köpfen hervorzubringen, darüber zu sprechen und sie zu entkräften. Es ist total wichtig, dass die Führungskräfte wissen, was die neuen Arbeitsmodelle bedeuten und dahinter stehen. Sie müssen zum Beispiel Kontrolle abgeben, weil ein Jobsharing-Tandem sich selber organisiert und sehr eigenverantwortlich arbeitet. Das verändert natürlich die bestehenden Strukturen. Der Manager muss gar nicht mehr so viel managen, und das setzt natürlich ganz viel Vertrauen voraus.

Anna: Es ist so, in der Praxis gibt es eigentlich kaum Hürden. Die größten Hürden sind alle nur in unseren Köpfen. Und wenn vom Kunden gewünscht, unterstützen wir schon im Vorfeld diese Hürden abzubauen. Strategieberatung ist ein fester Bestandteil unserer Dienstleistung, neben unserer Plattform, der HR-Software und weiteren Anreizen, wie unserem Jobsharing-freundlichen Siegel, was der Kunden in sein Stellenanzeigen einbinden kann.

Und was muss ein Unternehmen preislich für eure Dienstleistungen kalkulieren?

Anna: Das ist total unterschiedlich und hängt stark davon ab, wie groß das Unternehmen ist und welche Module es zum Beispiel von unserer Software nutzen möchte. Für ein Employer Branding-Profil auf tandemploy.com zahlen Unternehmen mit bis 20 Mitarbeitern  gerade mal 1.180€ im Jahr. Und bei der Software rechnen wir kleinere und mittlere Unternehmen mit 7€ pro User pro Monat ab. Alle Infos stehen auch auf unserer Webseite, und ansonsten einfach auf uns zukommen. Jeder Kunde bekommt ein individuelles Paket.

Eine Sache interessiert mich noch: Mal angenommen zwei Frauen teilen sich im Tandem eine Führungsposition, zahlt das dann doppelt in die Frauenquote ein? Habt ihr damit schon Erfahrungen?

Jana: Gute Frage, super! Nein, leider. Das Prinzip ist ja, die sind wie ein Kopf. So argumentieren wir auch immer, wenn die schöne Headcount-Problematik aufkommt, was auch so eines unserer Lieblingsthemen in Unternehmen ist. Von daher müssen wir jetzt fairerweise sagen, es ist auch nur eine Frau für die Quote, sorry!

Anna: Ist es dann eine halbe Frau, wenn es ein gemischtes Tandem ist?

Jana: Das ist lustig, ja stimmt.

Anna: Das ist eine sehr gute Frage!

Vielleicht könnte man da noch mal ansetzen, um Unternehmen zu locken?

Jana: Da denken wir noch mal drüber nach, Anne. Das ist eigentlich geil!

Anna: Du hast so recht!

Wie ist denn eure Meinung zur Frauenquote?

Anna: Wir fanden es lange ziemlich schrecklich, dass wir überhaupt noch über Frauenquoten sprechen müssen, jetzt im 21. Jahrhundert. Das muss man ganz ehrlich sagen, das ist peinlich genug für so ein Land wie Deutschland. Wir haben aber auch gemerkt, dass wir eine Übergangsphase brauchen. Was nur uns nicht gefällt, ist diese oberflächliche Diskussion was die Frauenquote betrifft. Es ist wirklich eine Farce. Es bringt nichts, wenn wir jetzt über Frauenquote nur sprechen, wir müssen mit wirklich konkreten Lösungsansätzen in den Firmen auch anfangen. Unsere Gedanken dazu findest du auch in unserem Beitrag für das Human Resources Manager Magazin “Farce ohne Boden”.

Dann gerne zum Abschluss noch ein paar Worte zu euren Visionen? Was wünscht ihr euch für euer Unternehmen?

Anna: Ach, wir haben so viele. Wir haben so ein Visions-Plakat, und immer wenn wir neue Ideen haben, kommt “oh gott, wir brauchen ein neues Visions-Plakat, der Platz geht uns aus”. Aktuell ist das wichtigste, dass wir Tandemploy jetzt so voranbringen, wie wir es uns gedacht haben. Unsere große Vision war einfach, dass wir Jobsharing und flexibles Arbeiten für jeden möglich machen wollen, der es will und braucht. Wir wissen einfach, dass wir anders besser arbeiten, und dafür setzen wir uns weiter ein. Im nächsten Jahr werden wir definitiv unsere Software weiter auszubauen, vielleicht auch wirklich mal in andere Länder gehen, uns zu internationalisieren. Was habe ich vergessen, Jana?

Jana: Du hast schon alles gesagt. Ich glaube, was im nächsten Jahr super spannend wird und für uns ein Riesenschritt, dass mehr große Unternehmen und DAX-Konzerne dabei sind, die Tandemploy intern nutzen. Und, je mehr Menschen wir ansprechen, je mehr können wir verändern. Da wird sich reichweitenmäßig noch mal richtig was tun und damit kommen wir unserer großen Vision ein ganzes Stück näher.

Der Druck mitzuziehen steigt für Unternehmen, würde ich sagen.

Jana: Ja klar! Das war der Plan.

Anna: Der Druck steigt, und das ist auch gut so!

Super! Ich danke euch für das tolle Interview!  

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