Elternzeit mit Mehr-Wert: Ein Interview über den elterngarten mit Gründerin Tanja Misiak

Mit einem Kind werden wir Eltern. Und während das Kind schnell den Mittelpunkt einnimmt, verlieren wir aus den Augen, was die Elternschaft mit uns macht: Wir wachsen an den Herausforderungen, lernen unsere Grenzen kennen und überwinden diese. Wir entwickeln Superkräfte, reflektieren unsere Schwächen und stäken Fähigkeiten wie Gelassenheit, Effizienz oder unser Selbstmanagement. Was sich wie ein Werbetext für ein Führungskräftetraining liest und sicherlich für ausgebuchte Stuhlreihen sorgen würde, stößt als Elternzeit in deutschen Unternehmen leider auf weniger Verständnis. Vielerorts wird Elternzeit immer noch als Karriereknick oder Pause verstanden, wo Qualifikationen und Fähigkeiten an Wickeltisch und Herd verkümmern.

Ich bin glücklich und dankbar, dass wir in Deutschland durch Elternzeit und Elterngeld die Möglichkeit haben, in der ersten Zeit als Familie zusammenzuwachsen. Auch die Tatsache, dass das Thema Wiedereinstieg bei immer mehr Frauen und Unternehmen stärker in den Vordergrund rückt und es viele gute Ideen und Unterstützungsangebote gibt, freut mich sehr. Allerdings erlebe ich im Freundes- und Bekanntenkreis auch viel Frust und Konflikte, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden oder mit Kind dann doch alles anders wird, als vorher gedacht. Die Elternzeit sollte daher auch eine Zeit sein, sich frühzeitig und sehr grundlegend mit den eigenen Stärken, Werten, Wünschen und Zielen – für Beruf und Familie, zu beschäftigen. Genau diesen Ansatz verfolgt der elterngarten, ein total spannendes Angebot, das ich euch nun im Interview mit der Gründerin Tanja Misiak vorstellen möchte.

Liebe Tanja, was ist der elterngarten und wie ist die Idee dazu entstanden?

Hallo Anne, wir sind eine deutschlandweite Initiative für die persönliche und berufliche Weiterentwicklung während der Elternzeit. Unser Kernprodukt ist das Elternzeit Basecamp, zu dem ich gleich mehr erzähle.

Die Idee dazu kam mir während meiner zweiten Elternzeit, als ich einen Ausgleich zum Babyalltag suchte. Ich liebe meine Arbeit und bin von Natur aus neugierig. Ich lerne gerne, netzwerke, denke, konzipiere, initiiere, manage, rede und schreibe gerne. Ich bin kreativ und gestalte gerne neue (Arbeits-)Umgebungen. Ich liebe Herausforderungen und Neuland sowie Persönlichkeitsentwicklung auf Erfahrungsebene. Das alles vermisste ich in meinem anfänglichen Babyalltag – zuerst unbewusst, dann bewusst.

Ich suchte nach Angeboten, die ich zeitlich in meinen Babyalltag gut integrieren konnte: vormittags mit Baby, ein „Team“ gleichgesinnter Eltern, ein gemeinsames „Projekt“, bei dem Babys dabei sein können. Ich war total überrascht, dass es davon nichts gab! Dann war für mich klar: ich organisiere es selbst. Ich hatte gleich viele Befürworter und Unterstützer. Auch mein Chef fand mein neues selbst aus dem Boden gestampftes Projekt cool. Ich bin ja eigentlich Unternehmensberaterin im New Work Umfeld.

Wie kann ich mir das elterngarten Basecamp, das ihr mittlerweile in vielen Städten anbietet, vorstellen? Wie gelingt euch trotz Teilnahme mit Kind eine Arbeitsatmosphäre, die nicht der einer Krabbelgruppe gleicht?

Meine Annahme für die Gründung von elterngarten war: Ich bin eine von vielen Mamas in Elternzeit, die gerne einen Ausgleich zum Babyalltag hätten. Das bestätigte sich auch schnell. Das Elternzeit Basecamp gibt Elternzeitlern die Möglichkeit der persönlichen und beruflichen Weiterentwicklung.

Konkret sieht das so aus: Eltern in Elternzeit, meist Frauen, kommen einmal die Woche 90 Minuten vormittags mit ihren Babys in kleinen Gruppen zusammen und werden durch einen eigens qualifizierten Coach durch einen 5-wöchigen Prozess geführt. Am Ende steht für jede(n) Teilnehmende(n) ein individuell erarbeiteter Plan für die persönliche und berufliche Zukunft mit Job und Familie. Auf dem Weg erlebt jede(r) eigene Aha-Effekte über bisher ausbremsende Glaubenssätze und Verhaltens- und Denkmuster. Dabei spielt natürlich der begleitende Coach eine große Rolle, wichtig dabei ist aber auch die kleine meist interdisziplinäre Gruppe an anderen Eltern, die ebenfalls wertvolles Feedback geben kann. Das Basecamp baut neben den 90-minütigen Präsenzzeiten auch stark auf den Reflektionsübungen auf: mit ihnen bereiten sich die Eltern auf die nächste Sitzung vor – wann und wo sie möchten. Je intensiver, desto besser. Das Basecamp arbeitet also die ganzen 5 Wochen. Und meist darüber hinaus. Denn auch das Angebot für Nachtreffen wird gerne in Anspruch genommen.

Die Babys sind tatsächlich meistens dabei, sie sind meist zwischen 3 und 18 Monaten alt. Sie verstehen irgendwie, dass es bei uns um die Eltern geht. Sie sind neben dem oder auf dem Schoß des Elternteils, spielen in unserer Mitte oder schlafen. Das klappt immer gut, Babys sind es gewohnt nicht immer die volle Aufmerksamkeit zu bekommen. Anfangs hatten wir auch Betreuung für die Babys angeboten. Doch das brachte nur Unruhe rein. Wichtiger ist, dass Papa/ Mama in der Nähe ist und sich alle in der Atmosphäre wohlfühlen können. Für 90 Minuten ist das absolut easy. Wir hatten sogar schon Eltern mit Zwillingen dabei, auch das war problemlos!

Was sind Motive, aus denen Mamas und Papas teilnehmen? Und was ist der Nutzen für die Teilnehmer?

Tatsächlich sind bei uns mehr als die Hälfte der Eltern mit dem zweiten Kind bei uns. Viele möchten es „dieses Mal anders machen als in der ersten Elternzeit“. Das alleine finde ich schon bezeichnend. Die Eltern wissen: Klarheit über den eigenen Weg passiert nicht von alleine und leider auch nicht im Gespräch mit der Freundin. Ich kann sie mir jedoch in einem begleiteten und bewährten Prozess erarbeiten, und das macht sogar Spaß und gibt unglaublich viel Energie, die sonst im Alltag verpufft.

Die meisten Eltern wollen bei uns also Klarheit gewinnen. Ihnen tut es gut, sich über die eigenen oft schon vergessenen Stärken bewusst zu machen und dysfunktionale Glaubenssätze aufzuheben – gerade rund um das Thema Familiengründung hat da fast jede(r) „Päckchen“ aus der eigenen Kindheit dabei. Es ist toll herauszufinden, wie der ganz individuelle Weg aussehen könnte, mit dem man weiter einer (gerne anspruchsvollen) Tätigkeit nachgehen kann UND eine Familienleben führt, dass den eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen entgegen kommt.

Wir können da tatsächlich unser eigenes Glück schmieden. Auf gesundheitlicher Ebene bedeutet das in Zeiten der Burn-Outs vor allem auch Stressprävention: deswegen werden wir vom Forum Arbeitsgesundheit empfohlen.

Warum sollte mein Arbeitgeber mich darin unterstützen und mir die Teilnahme am elterngarten Basecamp bezahlen – auch auf die Gefahr hin, dass ich mich anschließend beruflich von ihm weg orientiere?

Ich fange mal hinten an: Unsere Basecamps sind sicher kein Angebot für old-school-Unternehmen, die in Beschäftigten ersetzbare Menschen sehen, die Aufgaben abarbeiten. Auch gibt es Unternehmen, die meinen sie würden ihre Beschäftigten schon gut genug durch die Elternzeit begleiten, indem sie Gespräche mit den Personalern oder sogar eigenen Verantwortlichen für Vereinbarkeitsthemen anbieten. Das ist schon mal super. Allerdings bekommen wir zurückgespiegelt, dass ein Basecamp in jedem Fall eine gute Ergänzung ist. Hier sind die frischen Eltern auf neutralem Boden und die privaten Bedürfnisse haben auch Raum – was für den ganzheitlichen eigenen Plan der Vereinbarkeit wesentlich und am Ende erfolgskritisch ist.

Wenn Unternehmen Angst haben, dass sie aufgrund des Basecamps Mitarbeitende verlieren, dann sage ich: falls dies das Ergebnis wäre, dann doch besser jetzt als nach Monaten oder Jahren der inneren Kündigung, Stress, Zerrissenheit oder Konflikten. Und andersherum: wenn die Eltern mit einer positiven Entscheidungen und guten Ideen aus der Elternzeit zurückkommen, dann ist die Bindung und das Commitment umso höher.

Das neue Baby ist sicher eine private Angelegenheit. Doch Stressübertragung vom Privaten ins Berufliche und andersherum senkt die Leistungsfähigkeit enorm und macht niemanden glücklicher. Klüger ist es doch gleich der Wahrheit ins Gesicht zu schauen und darauf aufbauend neu zu planen.

Fazit: Wenn ein Arbeitgeber auf motivierte Mitarbeitende mit guten Ideen und Einsatzbereitschaft angewiesen ist, dann sollte er seine Mitarbeitenden in dieser besonderen Lebensphase der Familiengründung zur Seite stehen. Die Ideen aus den Basecamps können dem Arbeitgeber die Möglichkeit geben sich weiterzuentwickeln, auf der Kulturebene, der Produktebene – auf dem Weg in die neue Arbeitswelt.

Nicht wenige Frauen müssen sich in der Elternzeit neu orientieren, weil sich ihr alter Job nicht mit der Familie vereinbaren lässt, zum Beispiel wenn die Position nicht in Teilzeit gewünscht ist oder ein zu starres Schichtsystem herrscht. Was muss sich deiner Meinung nach ändern, um insbesondere Frauen eine bessere Vereinbarkeit zu ermöglichen?

Ich fühle mich als Working Mom vor allem dann gut, wenn mir keine unsinnigen Regeln den Weg verstellen. Ich finde Pragmatismus immer gut. Die Rahmenbedingungen sind entscheidend: werde ich ermutigt, mich mit meiner neuen Lebenssituation zu konfrontieren und das Beste daraus zu machen? Super, ich freue mich darauf und werde meinen Weg und meine Erfolge gerne mit denen teilen, die mich ermutigt haben. Es wird kein Interesse gezeigt? Dann eben nicht, dann gibt es auch gute andere Wege. Zum Beispiel priomy.de, ein neues Jobportal für selbstbestimmte Arbeit.

Elternzeit und anschließende Teilzeit werden häufig noch stigmatisiert und bedeuten Karrierenachteile und  Qualifikationsverlust – welche Haltung würdest du dir von Unternehmen oder auch von der Gesellschaft wünschen?

Dass Elternzeit und Teilzeit selbstverständlich als Chance gesehen werden. Ich glaube, dass die Wochenarbeitszeit keine oder kaum Aussagekraft zum eigentlichen Wert der Arbeit hat. Wichtig ist immer die richtigen Dinge zu tun. Man kann viel Zeit verschwenden mit Ineffizienz und distanziertem Abarbeiten. Sind jedoch die Beschäftigten mit Herz dabei, dann kann in viel weniger Zeit viel mehr erreicht werden. Daher wäre für mich als Arbeitgeber die emotionale Bindung zum Unternehmenszweck immer im Vordergrund. Und die kann ich erreichen, wenn ich meinen Mitarbeitenden als Persönlichkeiten dort begegne, wo sie sind. Unter anderem eben mal in der Familiengründungsphase.

Was ist deine Vision für den elterngarten?

elterngarten ist selbstverständlich für Eltern in Elternzeit. Fast alle Eltern nutzen die Elternzeit als Chance der Reflexion, des Innehaltens, für Persönlichkeitsentwicklung und berufliche Ausrichtung. Es gibt Studien, die beweisen, dass Basecamp-Alumni deutlich weniger Stress haben, in stabilen Familien und Partnerschaften leben UND erfolgreicher im Job sind. Nicht zuletzt profitiert vor allem auch eine Gruppe von unserer Arbeit: glückliche Kinder, die stabil aufwachsen und Teil einer besseren Welt sind.

Liebe Tanja, Danke für deine Zeit und spannenden Antworten, die so viel Energie und Herzblut versprühen!

Du bist in Elternzeit und möchtest das Angebot des elterngarten kennenlernen? Ihr seid auf der Suche nach guten Ideen, um Eure Mütter und Väter in Elternzeit ans Unternehmen zu binden? Dann hier entlang:

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